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Im Chaos unserer Zeit – Menschen im Werk von Conrad Felixmüller

Im Chaos unserer Zeit – Menschen im Werk von Conrad Felixmüller – Der Zeitungsjunge, 1928, Öl auf Leinwand (Foto: Lindenau-Museum Altenburg und VG Bildkunst Bonn 2017)

Neue Ausstellung vom 19. März bis 9. Juli 2017

Conrad Felixmüller (1897–1977) war einer der schärfsten Beobachter im 20. Jahrhundert. Wie kaum ein Zweiter rückte der Dresdner Künstler den Menschen in den Mittelpunkt seines vielfältigen Schaffens. Vom Krieg gebrochene Soldaten, Arbeiter in ihren Fabriken, eng aneinandergeschmiegte Liebespaare: Selten kommt der Betrachter dem Glück, Leid und Alltag der Menschen so nahe wie auf Felixmüllers Bildern. Herausragende Gemälde aus dem Frühwerk werden nun erstmals seit 20 Jahren zusammen mit Zeichnungen, Grafiken und Werken aus der Sammlung Gabelentz in Altenburg gezeigt. Im Zentrum der Bilder steht der zweifelnde, hoffende, an sein Leben sich klammernde Mensch.

Felixmüller galt als Wunderkind. Beeinflusst von den „Brücke“-Malern und dem Kubismus prägte der politisch engagierte Künstler in den 1920er Jahren den Stil der Neuen Sachlichkeit. Während der Diktatur der Nationalsozialisten waren seine Werke verschmäht, doch konnte sich Felixmüller mit Hilfe von Sammlern wie dem späteren Direktor des Lindenau-Museums, Hanns-Conon von der Gabelentz, über Wasser halten. Ihm ist es auch zu verdanken, dass der Künstler nach dem Krieg wieder Beachtung fand und ein immenses Spätwerk hinterlassen konnte.

Die Ausstellung gliedert sich in fünf Kapitel. In der Folge des Ersten Weltkrieges entstanden erstens zahlreiche druckgrafische Arbeiten aus der Hand Felixmüllers, die ihre klare politische Aussage – Revolution, Kommunismus, Pazifismus – nicht verhehlen: Das Gedenkblatt für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (Titelmotiv der Ausstellung) steht neben Bildern psychisch erdrückter Soldaten und enthusiastischer Redner. Die meisten der Arbeiten erschienen in der expressionistischen Zeitschrift „Die Aktion“, deren revolutionäres Pathos sie entschieden prägten. Felixmüller, der 1919 in die kommunistische Partei eintrat, versammelte in jenen Jahren viele Künstler zu Lesungen und politischen Diskussionen in seinem Dresdner Atelier.

Ein zweiter Schwerpunkt wird auf die für Felixmüller so bedeutsame Gruppe von Arbeiterbildern gelegt. Als Felixmüller 1920 den sächsischen Staatspreis für Malerei zugesprochen bekommt, reist er nicht wie üblich für zwei Jahre nach Rom, sondern nutzt das Stipendium für eine Studienreise in das Ruhrgebiet, um in den Bergbaurevieren zu zeichnen. Eine anschließende Reise führte ihn in die sächsischen Bergbaugebiete. Sein mitfühlender Blick schuf dort eindrucksvolle Porträts über das Thema Arbeit und Entfremdung: Rußgeschwärzte, schwitzende Bergarbeiter inmitten von Industrielandschaften, Invaliden und arbeitende Kinder wie der „Zeitungsjunge“ entstanden. Felixmüller verlieh den Arbeitern eine tiefe Würde: „Diese Menschen sind Tragödie, schön, groß und voller Demut“. Aus einer anschließend gezeigten Reihe von Gemälden spricht Felixmüllers Sympathie für die Landarbeiter und ihrer schlichten Verbundenheit mit der Natur.

Zu den wichtigsten Werken Felixmüllers gehören drittens die Bildnisse seiner Freunde. Gesichter waren für den jungen

Im Chaos unserer Zeit – Menschen im Werk von Conrad Felixmüller – Bildnis Hanns-Conon von der Gabelentz, 1934, Holzschnitt (Foto: Lindenau-Museum Altenburg und VG Bildkunst Bonn 2017)

Expressionisten nicht nur Studienobjekte, sondern Oberflächen für die Offenbarung einer Haltung zur Welt. Die in einem Saal versammelten Porträts zeigen Freunde und Künstlerkollegen aus Felixmüllers jungen Jahren: Bildnisse des avantgardistischen Komponisten Arnold Schönberg, des Schriftstellers Walter Rheiner oder der bildschönen Schauspielerin und Sängerin Pamela Wedekind. Mitte der 1920er Jahre machte Felixmüller Bekanntschaft mit den Granden einer bereits vergangenen impressionistischen Epoche: Die Holzschnitte mit den Bildnissen von Max Liebermann, Lovis Corinth und Christian Rohlfs gehören zu den einfühlsamsten Künstlerporträts des 20. Jahrhunderts.

Ein immer wiederkehrendes Motiv waren viertens die Menschen in seiner unmittelbarsten Umgebung: Seine Frau Londa und die beiden Söhne Titus und Luca. Gegen die Welt des Verlustes und der Zerstörung versicherte sich Felixmüller im Malen und Zeichnen der wichtigsten Menschen immer wieder seiner Herkunft und seines Glückes. In der Ausstellung werden auch druckgrafische Porträts seiner Großmutter und seines Bruders zu sehen sein.

Ein letztes Kapitel des Rundganges widmet sich schließlich dem engen Freund, Sammler und ehemaligen Direktor des Lindenau-Museums Altenburg, Hanns-Conon von der Gabelentz, dessen 125. Geburtstag sich am 10. November 2017 zum 125. Mal jährt. Dass das Oeuvre Conrad Felixmüllers heute einen Sammlungsschwerpunkt des Lindenau-Museums bildet (mit 15 Gemälden, ca. 300 Grafiken und 45 Gemälden aus der Sammlung Gabelentz, die als Dauerleihgabe zur Verfügung stehen, besitzt das Museum den weltweit größten Bestand an Werken des Künstlers), verdanken wir der materiellen und menschlichen Unterstützung Felixmüllers durch seinen Freund. Ausgewählte Gemälde thematisieren die Freundschaft und dokumentieren im Bezug zu anderen Kunstwerken die rege Sammeltätigkeit des Kunstliebhabers von der Gabelentz nach dem Zweiten Weltkrieg. Abgerundet wird die Ausstellung durch eine Reihe von Selbstporträts, Aktdarstellungen und einem Ausflug ins Cabaret.

Das alles umfassende Chaos der Weltkriege und der Weimarer Republik, die Orientierungslosigkeit einer beschleunigten Moderne und die Vehemenz des Fortschritts transformieren sich in der Hand Felixmüller zu Bildern, in der die Kraft des Menschen und seine bloße Präsenz Anlass zu Hoffnung geben. Mit mehr als 25 Gemälden, zahlreichen Zeichnungen und über 50 Lithografien, Radierungen und Holzschnitten gibt die Schau einen fundamentalen Einblick in die wichtigsten Themenfelder des Menschenfreundes Conrad Felixmüller.

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