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Vier Winde. Pia Fries erhält den Gerhard-Altenbourg-Preis 2017

Pia Fries erhält den Gerhard-Altenbourg- Preis 2017 (Foto: Hans Brändli)

Am Sonntag, dem 12. November verleihen wir den Gerhard-Altenbourg-Preis 2017 an die Schweizer Künstlerin Pia Fries. Verbunden damit ist die Eröffnung der Ausstellung „Vier Winde. Pia Fries. Gerhard-Altenbourg-Preis 2017“.

Der Gerhard-Altenbourg-Preis 2017 geht an die Schweizerin Pia Fries.

Die 1955 in Beromünster im Kanton Luzern geborene Künstlerin ist eine Vertreterin der reinsten Malerei. Das Spiel der Farben, das sich wie der Wind frei von allen Bindungen auf weißer Fläche entwickelt, ist ihre Botschaft. Ihre Farben sind Energien, die sich ständig wandeln, verbinden und von der Kraft der Kunst künden. Auf ihren furiosen Bildern ist alles Schöpfung und Metamorphose – die schönste Parabel auf das Leben, das sich zwischen den Polen Werden und Vergehen, Ruhe und Bewegung ereignet. Das schöpferische Prinzip schlechthin bricht sich in den Bildern von Pia Fries Bahn.

In Altenburg präsentiert Pia Fries neben neuen Arbeiten Werkgruppen aus den letzten drei Jahrzehnten, darunter eine Bilderserie, die in Auseinandersetzung mit Maria Sibylla Merian entstanden ist. Über Siebdrucke mit Fragmenten aus Merians Bildern setzt die Künstlerin ihre mannigfaltigen Farben und vegetabilen Formen – ein Verfahren, das auch in einer anderen Serie zu Hendrick Goltzius‘ berühmten „Himmelsstürmern“ Anwendung fand, die ebenfalls zu sehen ist. Einen besonderen Schwerpunkt bilden die Arbeiten auf Papier, die in ihrer ganzen Breite präsentiert werden.

Pia Fries malt keine Bilder im herkömmlichen Sinn. Sie lässt sie werden, indem sie Farbe aus Dosen auf die weiß grundierte Holztafel tropfen lässt, die auf dem Boden bereit liegt. Mit unterschiedlichen Werkzeugen wie einem Malrechen, einer Bürste, einem Messer oder einem Spachtel werden die Farben bearbeitet. Der Pinsel tritt oft erst nachträglich hinzu, wenn Fries den Farbmassen eine Struktur aufsetzen will oder aufeinanderlegende Schichten freilegt. Häufig gehört auch das Kippen und Klopfen der stabilen Holztafeln zum Prozess der Bildgenese. Die Farblawinen verlaufen dann selbstständig über den Bildträger, verdecken Bisheriges oder verbinden sich mit anderen Farben zu eigensinnigen amorphen Strukturen. Der Zufall lugt hinter jedem Arbeitsschritt hervor. Noch nicht ganz getrocknete Farbe wird graviert oder abgekratzt, ohne dass ihre Spuren ganz verwischt werden. Bei kaum einem anderen Künstler oder einer anderen Künstlerin ist das moderne Paradigma vom „Sich-leiten-lassen“ durch das zur Verfügung stehende Material so evident wie bei Fries.

Gemälde: Pia Fries (Foto: Lindenau-Museum)

Pia Fries vollendet ihre Bilder oftmals nicht in einem Zug. Häufig bildet ein anderes ihrer Werke den Ausgangspunkt für die Fortführung einer begonnen Arbeit. Die einmal gefundenen Energien des einen Bildes übertragen sich auf das andere, eine hier geborene Farbidee lebt auf einer anderen Tafel weiter. So entstanden im Laufe von nunmehr über drei Jahrzehnten viele Werkgruppen, in denen Fries an einem Thema für Monate – manchmal Jahre – arbeitete. Ihrem Vorgehen ist ein nomadenhafter Zug eigen. Nicht erst hier lassen sich Bezüge zu Arbeitspraxis Gerhard Altenbourgs herstellen, der immer an mehreren Bildern gleichzeitig arbeitete, die er in seinem Atelier nebeneinander aufstellte. Wenn die für fertig befundenen Bilder dann im Ausstellungsraum an den Wänden hängen, bleibt die Kommunikation unter ihnen spürbar.

Die Farbe ist die Botschaft in den Bildern von Pia Fries. Spannungsreich entfaltet sie ihre Wirkung auf den neutralen weißen Flächen von Papier und Tafel. Die Künstlerin verfolgt mit Beginn des Mal-Aktes keinen feststehenden Plan, sondern lässt sich vom Material in einem rhizomatischen Verfahren leiten, rufen und überraschen. Beim Rhizom – man denke an das Rhizom der Ingwerwurzel – gibt es keinen Hauptstrang, keine Leitidee, stattdessen ein unvorhersehbares Wuchern und Verzweigen des Materials, das erst im Wachstumsprozess (hier der Malprozess) Form gewinnt. In der Farbe ist bereits alles vorhanden, was nach Ausdruck verlangt. Ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt, wie sich Künstler bereits in der Renaissance, zunehmend dann aber in der Moderne vom Material haben leiten lassen. Pia Fries liefert sich dem Eigenleben der Farben aus. Eine intuitiv gesetzte Farbspur ruft nach einer zweiten, die als Äquivalent oder Gegengewicht eine dritte verlangt. Die Relation von schöpferischem Subjekt und behandeltem Objekt ist hier umgekehrt: Nicht die Künstlerin benutzt die Farben, die Farben bemächtigen sich der Künstlerin, die ihnen Präsenz verleiht. „Die Farbe hat mich“ notierte Paul Klee während seiner Tunisreise. Nicht der Künstler hat in diesem phänomenologischen Verständnis der Bilderzeugung nach den Farben gegriffen, sondern die Farben der Welt drängen sich dem als Medium verstandenen Künstler auf. Auf den Bildtafeln von Fries, der Befreierin der Farben, vollzieht sich dann ein Spiel von Schöpfung und Metamorphose, ein Farbwerden auf weißem Grund. „Was sich da zeigt, ist ohne „Was“, vage und unwiderruflich zugleich, voller untergründiger subsemantischer Energie“ schrieb Gottfried Boehm über Cy Twombly, den Gerhard-Altenbourg-Preisträger 2008, und es lässt sich problemlos auch auf die Bilder von Fries anwenden, wenn es weiter heißt, das in Twomblys Werken „eine vor dem Nennen liegende Matrix“ zur Anschauung gebracht wird: „Was sie enthüllt, wird niemals gesagt werden können. Gleichwohl mangelt es an nichts, denn es zeigt sich, was es ist.“

Unter den Naturkräften, die im Œuvre der Künstlerin als Metapher und bildnerisches Prinzip einen herausragenden Rang einnehmen, ist der Wind von besonderer Bedeutung. Eigenschaften des Windes wie Belebung und Zerstörung, Richtungswechsel und Unvorhersehbarkeit spiegeln den Mal-Akt von Pia Fries und wurden für die Altenburger Ausstellung zu einem Leitmotiv. Von Statik, einer konkreten Bildarchitektur oder einem vorrangig geistigen Entwurf kann in den Bildern der Künstlerin keine Rede sein. Stattdessen sind alle Bildelemente bei Fries in Bewegung und werden im Herstellungsprozess immer wieder neu in Bewegung versetzt, was auf der Tafel nachvollzogen werden kann: Dort wurde eine Farbspur beschleunigt, hier bis zum Stillstand verlangsamt, dort wurde übermalt, hier etwas abgekratzt. An anderer Stelle ist Schwere von Leichtigkeit zu unterscheiden, Werden von Vergehen, Ordnung von Chaos, Ruhe von Unruhe. So wie der Wind häufig seine Richtung wechselt, so entsteht ein Bild bei Fries unvorhersehbar und prozesshaft, fast naturgewaltig. Das Bild wird zum Ereignis. Man könnte meinen, einer der vier Winde, die im griechischen Mythos die vier Himmelsrichtungen bezeichnen, sei hier am Werk gewesen: Der Nordwind Boreas, der Ostwind Euros, der Südwind Notos und Zephyros, der von Westen her bläst. Die vier Seiten der weißen Tafel sind nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet, von denen wechselnd ein Wind seine Kräfte entfaltet, malerische Setzungen durcheinander wirbelt und durch Drehungen neu sehen lässt, bis entschieden ist, wo oben und unten, rechts und links zu sein hat. Wenn das Bild dann – wie Pia Fries sagt – die richtige „Aufrichtekraft“ hat, wenn sich die heterogenen Teile zu einem gewissen Gleichgewicht zusammenfügen und eine „vibrierende Intensität des Farbigen“ entfalten, dann ist es fertig.

Die Künstlerin

Pia Fries lebt und arbeitet in Düsseldorf und München. Nach einem Studium an der Kunstgewerbeschule Luzern (1977 bis 1980), wechselte sie an die Kunstakademie Düsseldorf. Dort studierte sie von 1980 bis 1986 Malerei und schloss als Meisterschülerin bei Gerhard Richter ab. Es folgte ein Lehrauftrag an der Kunstakademie Düsseldorf und Professuren an der Kunstakademie Karlsruhe sowie an der Universität der Künste Berlin. Seit Februar 2014 hat Pia Fries eine Professur für Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste München inne. Ihre Werke sind in namhaften nationalen und internationalen Sammlungen vertreten. Pia Fries wurde vielfach mit Preisen ausgezeichnet, darunter der Fred-Thieler-Preis der Berlinischen Galerie und der Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern.

Der Preis

Der Gerhard-Altenbourg-Preis ist der bedeutendste Thüringer Kunstpreis. Er wird von einem prominent besetzten Kuratorium, das vom Lindenau-Museum Altenburg berufen wird, alle zwei Jahre für herausragende Lebenswerke von zeitgenössischen Künstlern vergeben. Der Gerhard-Altenbourg-Preis wird von der Thüringer Staatskanzlei, von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen sowie von der Sparkasse Altenburger Land gefördert. Unter den bisherigen Preisträgern finden sich Carlfriedrich Claus, Roman Opalka und Cy Twombly. Parallel zur diesjährigen Ausstellung mit Werken von Pia Fries werden Arbeiten aller bisherigen Preisträger im Lindenau-Museum zu sehen sein.

Lindenaumuseum Altenburg (Foto: der uNi)

Das Lindenau-Museum

Das von Bernhard von Lindenau 1848 gegründete Museum gehört zu den ungewöhnlichsten und schönsten Kunstmuseen in Deutschland. Der Sammler und Stifter war von den Ideen der Aufklärung beseelt, gründete eine Kunstschule und trug kostbare Kunstwerke zusammen, an denen er die Kunstgeschichte vom Altertum bis zur Gegenwart erzählen konnte. Einzigartig ist die Sammlung von 180 italienischen Tafelbildern des 13. bis 16. Jahrhunderts, darunter Werke von Sandro Botticelli. Außerdem trug Lindenau kostbare griechische und etruskische Keramiken, Gipsabgüsse nach berühmten Plastiken der Antike und Renaissance, eine Gemäldesammlung sowie eine wertvolle Kunstbibliothek zusammen. Die im 20. Jahrhundert angelegten neuen Sammlungen umfassen Malerei, Grafik und Plastik vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, darunter Jean-Antoine Houdon, Max Slevogt, Christian Rohlfs oder Max Klinger. Einen Schwerpunkt bilden Expressionismus und Neue Sachlichkeit mit Conrad Felixmüller, Otto Dix, Wassily Kandinsky oder Ernst Barlach. Das Lindenau-Museum besitzt zudem den weltweit größten Bestand an Werken von Gerhard Altenbourg.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog zum Preis von 20 €. ISBN 978-3-86104-146-7

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