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Lesermeinung: Gelebte offene Kirche


Lesermeinung: Nachgang des Besuchs von Dr. Gysi in ABG und seiner damit verbunden Buchvorstellung am 30.03.2019

Verfasser: Uwe Rückert aus Altenburg 

Die evangelische Kirchgemeinde Altenburg lebt das Prinzip der offenen Kirche. Neben den Kirchensteuern auch erheblich durch staatliche, gesetzlich vorgegebene Subventionen mitfinanziert, ist es erfreulich, dass hier neben den Gottesdiensten ein vielfältiges, weiteres Angebot besteht. So öffnete sich die Altenburger Brüderkirche am 30. März 2019 auch für den bekannten Linkspolitiker Dr. Gregor Gysi (ehemaliger SED Spitzenfunktionär und väterlich geprägter Sohn eines IM sowie DDR Staatssekretärs für Kirchenfragen) und bot ihm eine Plattform zur Vorstellung seines autobiografischen Werkes „Ein Leben ist zu wenig“. Seine Prominenz, begründet durch sein beachtliches Lebenswerk in Verbindung mit seiner geistreichen und eloquenten Art, sicherte ihm – bei 30 Euro Ticketpreis – eine vollbesetzte Kirche. Auch der anschließende, reichliche Verkauf von ihm handsignierter Bücher war seinem weiteren Schutz vor Altersarmut sicher zuträglich. Das sei ihm deshalb in Altenburg genauso gegönnt, wie bei allen weiteren Stationen seiner höchst kommerziell ausgerichteten Buchvorstellungstour.

Herausragend bemerkenswert ist jedoch, dass er seiner Linie treu das Forum in der Brüderkirche nutzte, um die Zuhörer auch in deren Anschauungen zu motivieren. So ist es durchaus als politisch fair aufzunehmen, wenn er zur Wahlbeteiligung auffordert und zudem einige Toleranz gegenüber den verschiedenen konkurrierenden Parteien zeigt. Beachtlich ist jedoch, dass Dr. Gysi gezielt die AfD aus dem ihm persönlich möglichen Toleranzbereich ausgrenzt und die Zuhörer ebenso dazu animiert. Das er genau dieses tut steht bei einem Frontmann der Linkspartei zu erwarten und ist Teil der politischen Auseinandersetzung. Aber derartige Statements unter dem Hausrecht der evangelischen Kirchgemeinde Altenburgs in der Brüderkirche zu geben, ist eben doch bemerkenswert.

Natürlich wird dieses sehr wohl wahrgenommen, wobei derartige Förderung von politischem Diskurs und pluralistischem Meinungsaustausch in der Altenburger Brüderkirche prinzipiell erfreulich sind. Als Körperschaft des öffentlichen Rechtes vielfach begünstigt, verpflichtet sich die Evangelische Kirche jedoch ganz selbstverständlich auch zur Loyalität gegenüber unserem Grundgesetz, sowie zur umfassenden Achtung von dessen Artikeln. Da es mit Dr. Gysis Buchvorstellung und seinem politischen Statement nun exzellent gelungen ist die mitunter sehr betonte Trennung zwischen Staat, Parteipolitik und Kirche zu überbrücken, erfreut es sicher auch Vertreter anderer politischer Ausrichtung die offenbar bestehende Möglichkeit zu einer Buchvorstellung in der Altenburger Brüderkirche nutzen zu können.

Ein ad hoc Vorschlag wäre Herrn Professor Dr. Meuthen einzuladen, damit dieser seine Dissertationsschrift „Die Kirchensteuer als Einnahmequelle von Religionsgemeinschaften“ präsentieren, sowie die sicher zahlreichen Zuhörer zur Wahlbeteiligung auffordern kann. Gegensätzlich zu Dr. Gysi jedoch, würde sein Demokratieverständnis im Einklang mit unserem grundgesetzlichen Wertefundament sicher nicht dazu führen, dass er dabei zum gesellschaftlichen Boykott der Linkspartei aufrufen, noch eine Kirche als Plattform für politische, mit dem Grundgesetz schwerlich zu vereinbarende Statements nutzen würde.

(ABG-Info.de hat die komplette Lesermeinung als Artikel online gestellt. Leserbriefe und Lesermeinungen stellen nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder die der anderen Lesern dar, sie gelten als Information. Wir danken unseren Lesern für Ihre Meinung, die diese bei uns im Sinne des GG Art. 5 gerne veröffentlichen können.)

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